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aus dem Kapitel: IRLAND
Tiffanys Traum
Höher und höher flog Kukulu, so hoch bis Barcelona und die umliegenden Städte orangen Patchworkteppichen ähnelten, die im Dunklen hell leuchteten. ?Wohin fliegen wir, Kukulu?", rief Lulu. ?Der Sonne hinterher", rief Kukulu zurück. ?Immer weiter nach Westen. So weit und so lange bis wir sie eingeholt haben." Und immer höher und immer weiter flog er. So hoch und so weit, dass sogar die Teppiche aus Licht im Dunkel der Nacht verschwanden und sich Himmel und Erde bald nicht mehr unterschieden. Lulu genoss den Flug. Ein warmer Nachtwind umkoste ihr Gesicht und Kukulus Federn waren wie ein paar Arme, die sie fest und doch weich umschlungen hielten. Sie hätte ewig so weiterfliegen können als sie am Ende des Himmels einen zarten Lichtschein entdeckte. Der Lichtschein konnte nicht vom Mond kommen. Der stand genau über ihr. Es musste die Sonne sein. ?Da ist die Sonne", rief sie aufgeregt. ?Wir haben die Sonne eingeholt", lachte sie. ?Ja, wir haben die Sonne eingeholt", antwortete Kukulu, ?und jetzt halte dich noch ein bisschen besser fest, wir landen nämlich gleich." Lulu kuschelte sich tiefer in Kukulus Federn. Tief unter sich sah sie Wiesen, die im Schein der Abendsonne einen warmen, goldenen Glanz trugen und die weich und einladend aussahen. Allerdings näherten sie sich den Wiesen mit, wie Lulu fand, beunruhigend hoher Geschwindigkeit. Der Wind klang scharf in ihren Ohren und prickelte frostig auf ihrer Haut. Lulu beschloss, bei ihrer ersten Landung lieber nicht allzu genau hinzusehen. Sie kniff die Augen zusammen und ihre Finger umklammerten Kukulus Federn wie zehn kleine, eiserne Schraubstöcke. Ihr Herz pochte nervös gegen den dünnen Stoff ihres Nachtkleides und sie begann still zu zählen. Eins, zwei, drei... Dann fühlte sie nur noch ein sanftes Schaukeln, das langsam ausklang und zum Stillstand kam. ?Wir sind da", hörte sie Kukulu fröhlich rufen. ?Du kannst die Augen wieder aufmachen."
Erleichtert öffnete Lulu die Augen, rutschte geschickt von Kukulus Rücken herab und sah sich neugierig um. Sie war auf einer Wiese, die sich über sanfte Hügel hinweg bis ins Unendliche zu erstrecken schien. Ein kräftiger Wind, der den tiefen Geruch des Meeres mit sich trug, dirigierte das fast hüfthohe Gras wie ein Streichorchester, so dass es sich im Takt des Windes hob und senkte und Lulus Beine und Hände dabei sachte liebkoste. ?Ein Grasmeer", flüsterte Lulu andächtig. Sie drehte sich zu Kukulu um, der sie lächelnd ansah. ?Wo sind wir denn hier?" fragte sie. ?In Irland sind wir", antwortete Kukulu. ?Viele nennen es auch die grüne Insel und wie du siehst, nicht zu unrecht. Irland ist aber nicht nur für sein grünes Gras bekannt sondern auch für seine Mythen, seine Geschichten und seine Musik. Ein guter Geschichtenerzähler oder eine gute Musikerin ist der Stolz jeder irischen Familie." Er schaute sich suchend nach allen Seiten hin um und runzelte dabei verdrossen die Stirn was ihm das Aussehen eines schlechtgelaunten Professors gab. ?Eigentlich sollten sie doch hier sein", sagte er, mehr zu sich selbst als zu Lulu. Sein Gesicht nahm einen konzentrierten Ausdruck an und er schien angeregt in das Rauschen des Windes im Gras hineinzuhören. Lulu beobachtete ihn amüsiert. Sie konnte sich nicht vorstellen, was es in dieser Grasleere zu hören gab. Nach kürzester Zeit jedoch schaute Kukulu zufrieden auf. ?Tut mir leid, ich habe mich ein bisschen verflogen", entschuldigte er sich ein wenig verlegen und zeigte dann mit ausgestrecktem Flügel auf einen Hügel. ?Es ist nicht weit; wir müssen nur zum Hügel dort." Er machte sich mit großen Hüpfern auf den Weg. Lulu folgte ihm gespannt und während sie sich noch fragte, was hinter Kukulus Hügel sein konnte, hörte sie eine Melodie. Gesungen von einer Mädchenstimme wehte der Wind ein Lied über die Wiese, so leicht wie die zarte Berührung einer Hand und so voll und schwer, wie der Wald nach einem Sommergewitter. ?Kukulu!", rief sie atemlos ihrem Freund hinterher, der es durch geschicktes Hüpfen erstaunlich schnell bis zum Gipfel des kleinen Hügels geschafft hatte und nun dort auf sie wartete. Dieser drehte sich hastig um und bedeutete ihr mit der Flügelspitze über dem Schnabel gelegt, leise näherzukommen. Lulu kletterte eilig die letzten, steilen Meter nach oben und schaute erwartungsvoll ins Tal. Sie wurde nicht enttäuscht. Dort unten bot sich ihr ein fantastisches Bild. |
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